Kastration beim Hund
Gesundheit

Kastration – immer eine gute Idee?

Kastration scheint ein Allheilmittel in der Hundewelt. Hündinnen und Rüden werden aus den unterschiedlichsten Gründen kastriert. Leider ist der häufigste Grund wohl die Bequemlichkeit der Besitzer. Ist doch so schön einfach. Eine mehr oder weniger aufwändige Operation und ich muss mich zum Beispiel nicht mehr um die Läufigkeit meiner Hündin kümmern.

Der Rüde pöbelt andere Rüden an oder zeigt unerwünschtes Verhalten wenn eine läufige Hündin in der Nähe ist – zack schnell kastriert und alles ist (für den Halter) wieder in Ordnung. Für den Halter – wie sieht es aber für den Hund aus? Stecken die Hunde eine Kastration wirklich so leicht weg?

Kastration und das Tierschutzgesetz

Das Deutsche Tierschutzgesetz sagt dazu folgenses:

§ 6 
(1) Verboten ist das vollständige oder teilweise Amputieren von Körperteilen oder das vollständige oder teilweise Entnehmen oder Zerstören von Organen oder Geweben eines Wirbeltieres. Das Verbot gilt nicht, wenn

1.
der Eingriff im Einzelfall nach tierärztlicher Indikation geboten ist oder
b)
bei jagdlich zu führenden Hunden für die vorgesehene Nutzung des Tieres unerläßlich ist und tierärztliche Bedenken nicht entgegenstehen,
1a.
eine nach artenschutzrechtlichen Vorschriften vorgeschriebene Kennzeichnung vorgenommen wird,
1b.
eine Kennzeichnung von Pferden durch Schenkelbrand vorgenommen wird,
2.
ein Fall des § 5 Abs. 3 Nr. 1 oder 7 vorliegt,
2a.
unter acht Tage alte männliche Schweine kastriert werden,
3.
ein Fall des § 5 Abs. 3 Nr. 2 bis 6 vorliegt und der Eingriff im Einzelfall für die vorgesehene Nutzung des Tieres zu dessen Schutz oder zum Schutz anderer Tiere unerläßlich ist,
4.
das vollständige oder teilweise Entnehmen von Organen oder Geweben erforderlich ist, um zu anderen als zu wissenschaftlichen Zwecken die Organe oder Gewebe zu transplantieren, Kulturen anzulegen oder isolierte Organe, Gewebe oder Zellen zu untersuchen,
5.
zur Verhinderung der unkontrollierten Fortpflanzung oder – soweit tierärztliche Bedenken nicht entgegenstehen – zur weiteren Nutzung oder Haltung des Tieres eine Unfruchtbarmachung vorgenommen wird.

https://www.gesetze-im-internet.de/tierschg/BJNR012770972.html

Auch wenn im Internet gerne etwas anderes behauptet wird, laut Tierschutzgesetz ist eine Kastration aus dem Grund der Unfruchtbarmachung durchaus erlaubt (Absatz 5). Wobei Gott sei Dank immer mehr Tierärzte sehr kritisch dem sinnlosen kastrieren gegenüberstehen.

Vorteile der Kastration

Natürlich hat so eine Kastration auch seine Vorteile.

Rüden:
vermeidung von:

  • Hodentumoren (klar was nicht mehr da ist kann auch nichtmehr erkranken)
  • Prostatatumoren
  • gutartiger Prostatavergrößerung
  • Perianaltumoren
  • sexuell motivierte Agression gegenüber Geschlechtsgenossen
  • hypersexualität

Hündinnen:
vermeidung von:

  • Gebärmutterentzündungen & Gebärmuttertumoren
  • je nach Zeitpunkt Senkung des Risikos für Mamatumore
  • starken hormonellen Schwankungen während und nach der Läufigkeit und der nachfolgenden Scheinträchtigkeit

Nachteile der Kastration

Bei der Entscheidung zu einer Kastration sollten nicht nur medizinische Gründe im Vordergrund stehen, sondern man sollte auch die biologische Entwicklung des Hundes mit einbeziehen. Du darfst nicht vergessen, dass die Pubertät ein wichtiger biologischer Prozess in der Reifung des Hundes darstellt.

So machen gerade Hündinnen nach der 1. Läufigkeit einen starken geistigen Entwicklungsschub. Auch sollten Sie die Entscheidung Kastration Ja oder Nein immer auch vom Hundetyp abhängig machen. So brauchen die großwüchsigen Hunderassen viel länger für Ihre geistige und körperliche Entwicklung als Kleinhundrassen.

Gerade Hündinnen großer Rassen (Neufundländer, Leonberger, Doggen) haben ein höheres Risiko eine Harninkontinenz zu entwickeln als Hunde unter 20kg. Auch gibt es Hündinnen bestimmter Rassen (Boxer, Dobermann, Riesenschnauzer, Bobtail, Irish Setter oder Collie), die häufiger nach Kastration inkontinent werden als z.B. Hündinnen der Rasse Deutscher Schäferhund. 

Als Nachteil einer Kastration bei Hündinnen bestimmter Hundetypen (z.B Rassen mit angeborenem Schutztrieb oder Hündinnen mit Tendenz zu Sozialunverträglichkeit) kann es zu einer gesteigerten Aggression gegen Geschlechtsgenossinnen kommen. Medizinisch kein Problem, aber ein Schönheitsfehler ist die mögliche Entwicklung eines Welpenfells bei langhaarigen Rassen. Hierbei überwuchert die Unterwolle das glänzende Deckhaar – das Fell wirkt struppig und stumpf. Ein Welpenfell kann bei der Hündin und beim Rüden auftreten, beim letzteren jedoch weitaus seltener. Eine weitere Nebenwirkung kann ein vergrößerter Appetit, aufgrund des Wegfallens von Geschlechtshormonen, sein. Es existiert keine hormonelle Bremse mehr. Besonders häufig betroffen sind Retriever, Cocker und Beagle. Wenn der Hund uneingeschränkt weitergefüttert wird, kann es schnell zur Fettleibigkeit kommen. Gegenwirken können Sie durch eine konsequent reduzierte Fütterung und durch ausreichend Bewegung.

Krank durch Kastration

Auch diverse andere zum teil recht schwerwiegende Erkrankungen können durch die Kastration auftreten. Mittlerweile haben Studien erwiesen, dass zum Beispiel kastrierte Hunde ein um ein vielfaches erhöhtes Risiko haben an bestimmten Krebsarten zu erkranken. Auch einige Erkrankungen des Bewegungsapperates treten bei kastrierten Hunden gehäuft auf-

Einen sehr ausführlichen und fundierten Artikel hat der Tierarzt Dr. Ralph Rückert auf seiner Webseite veröffentlicht. Für Jeden, der sich mit dem Gedanken auseinander setzt seinen Rüden oder seine Hündin kastrieren zu lassen, sollte sich diesen Artikel gut druchlesen.

Die Kastration beim Hund – Ein Paradigmenwechsel

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